Ein belastendes Verhalten ist fast nie ein Defekt. Es war einmal eine sinnvolle Anpassung, und im Kern ist es das oft noch. Essen beruhigt, Rückzug schützt, Kontrolle gibt Halt, hektisches Funktionieren hält ein Schuldgefühl auf Abstand.
Der Körper trägt dabei eine Geschichte, die die aktuelle Situation nicht erklärt. Die Forschung zum niederländischen Hungerwinter zeigt das auf molekularer Ebene: Menschen, die als Ungeborene der Hungersnot 1944 ausgesetzt waren, hatten 6 Jahrzehnte später messbar veränderte epigenetische Marker an einem für Wachstum relevanten Gen (Heijmans et al., 2008). Die weitergehende Vorstellung, dass sich Erfahrungen ganzer Generationen so bis ins Verhalten der Enkel übertragen, ist ein Modell, keine gesicherte Tatsache. Was aber gilt: Ein Muster, das heute wehtut, hatte einmal einen Grund, und dieser Grund ist im Hier und Jetzt oft nicht sichtbar.
Deshalb reicht Verstehen nicht. Ein Klient kann den Ursprung seines Musters bis in die Kindheit zurückverfolgen und trotzdem jeden Abend dasselbe tun. Ein Vorsatz übersetzt sich nur teilweise in Verhalten (Sheeran & Webb, 2016), und unter Belastung greift der Mensch ohnehin auf das Vertraute zurück (Schwabe & Wolf, 2011). Die Frage ist also nicht, ob der Klient sein Muster versteht, sondern welche Funktion es erfüllt und was es gerade aufrechterhält.