Ein belastendes Verhalten war zu einem früheren, häufig kindlichen Zeitpunkt eine sinnvolle Anpassungsstrategie und wurde oft über Jahrzehnte immer wieder wiederholt.
Essen kann beispielsweise beruhigen, Wut dämpfen oder emotionale Leere füllen. Rückzug schützt, Kontrolle gibt Halt und hektisches Funktionieren hält ein Minderwertigkeitsgefühl auf Abstand.
Der Körper trägt dabei eine Geschichte, die die aktuelle Situation allein nicht erklärt. Die Forschung zum niederländischen Hungerwinter zeigt das auf molekularer Ebene: Menschen, die als Ungeborene der Hungersnot 1944 ausgesetzt waren, zeigten sechs Jahrzehnte später messbare Unterschiede an epigenetischen Markern eines für Wachstum relevanten Gens (Heijmans et al. 2008).
Weitergehende Vorstellungen einer transgenerationalen Übertragung bis auf Verhaltensebene gehen über diesen konkreten Befund hinaus. Als Modell erinnern sie daran, dass aktuelle Reaktionen nicht immer allein aus dem Hier und Jetzt verständlich werden.
Deshalb reicht Verstehen nicht. Ein Klient kann den Ursprung seines Musters bis in die Kindheit zurückverfolgen und trotzdem jeden Abend dasselbe tun. Ein Vorsatz oder eine Absicht führt nicht automatisch zu verändertem Verhalten.
Gerade unter Belastung greift der Mensch stärker auf das Vertraute zurück. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob der Klient sein Muster versteht, sondern welche Funktion es erfüllt, wozu er es unbewusst noch braucht und was notwendig wird, damit ein anderes Verhalten und Fühlen überhaupt möglich werden.
Warum setzen Klienten ihr Wissen nicht um? →