In der Praxis treffen meist 3 Gründe zusammen, und jeder davon verlangt
von dir als Coach eine andere Antwort.
01
Die Technik passt nicht zum Zustand.
Ein Nervensystem im Kampf- oder Fluchtmodus hat Energie mobilisiert,
Herzschlag und Atmung sind beschleunigt, die Muskulatur ist bereit.
Wenn du es in diesem Zustand bittest, sich hinzusetzen, ruhig zu
atmen und die aufsteigende Angst zu beobachten, widerspricht das der
Logik, der es gerade folgt.
02
Das System ist bereits überflutet.
Manchmal hat sich über Wochen oder Monate so viel Anspannung
angestaut, dass ein vergleichsweise kleiner Auslöser genügt,
um alles auf einmal freizusetzen.
03
Die innere Haltung arbeitet gegen die Übung.
Viele Klientinnen nutzen Regulationstechniken aus demselben
Leistungsmuster heraus, das sie überhaupt erst in die Erschöpfung
geführt hat: um wieder zu funktionieren, um ein unangenehmes Gefühl
möglichst schnell loszuwerden, um endlich ruhig zu sein.
Stell dir vor, jemand verfolgt dich nachts im Park, und neben dir steht
jemand, der dir rät, erst einmal in Ruhe rückwärts zu zählen.
Dein Nervensystem unterscheidet dabei nicht zwischen einer realen
Bedrohung und einer alten Verletzung, die gerade aktiviert wurde.
Lena hat das in ihrer eigenen Zeit mit Panikattacken erlebt:
Die Aufforderung, sich auf den Atem zu konzentrieren, hat die Panik
verstärkt, weil ihr dadurch erst bewusst wurde, wie wenig Luft sie bekam.
Ein System im Kampf- oder Fluchtmodus braucht oft eher Bewegung,
die die mobilisierte Energie aufnimmt.
Ein System in der Erstarrung wäre dagegen mit lautem Ausdruck
überfordert. Es braucht zuerst Orientierung, kleine Bewegungen und die
Erfahrung, dass es sich wieder zeigen darf, ohne dass etwas Schlimmes
passiert.
Und ein Mensch, der sich unterwirft und es allen recht macht, wirkt nach
außen oft freundlich und entspannt, während er innerlich in hoher
Alarmbereitschaft ist. Diese Zustände, häufig als Fight, Flight, Freeze
und Fawn beschrieben, sind beschreibende Modelle aus der Traumaarbeit,
keine scharf abgrenzbaren Messwerte. Für deine Praxis sind sie trotzdem
ein wichtiger Kompass.
Wenn das System bereits überkocht
Das lässt sich mit einem Topf auf dem Herd vergleichen. Wenn das Wasser
gerade anfängt zu köcheln und du die Hitze herunterdrehst, beruhigt es
sich wieder. Wenn es bereits überkocht, hilft das Herunterdrehen zwar
langfristig, den Überlauf in diesem Moment stoppt es aber nicht mehr.
Die Neurobiologin Amy Arnsten beschreibt in einer Übersichtsarbeit,
dass schon relativ milder, unkontrollierbarer Stress die Leistungsfähigkeit
des präfrontalen Kortex rasch und deutlich einschränken kann, also des
Bereichs, der für Impulskontrolle, Planung und Abwägen zuständig ist
(Arnsten 2009).
In diesem Zustand erreicht eine Technik, die auf bewusste Steuerung setzt,
das System kaum noch. Das heißt nicht, dass Regulation sinnlos wäre.
Sicherheitssignale über Atem und Körper sind auch dann besser als
zusätzliche Anspannung. Es heißt nur, dass jetzt vor allem Zeit, Halt und
die Gewissheit gebraucht werden, dass ein so hoher Aktivierungszustand
nicht dauerhaft anhalten kann.
Die Technik hat nicht versagt. Das System war in diesem Moment nicht
aufnahmefähig.
Mit Regulationstechniken ist es ähnlich wie mit einer Kniebeuge.
Eine Kniebeuge ist eine gute Übung. Wer sie aber jahrelang mit einer
schiefen Körperhaltung ausführt, schadet seinen Gelenken, und zwar nicht
wegen der Übung, sondern wegen der Haltung, in der sie gemacht wird.
Dann wird geschüttelt, geklopft und geatmet, um etwas wegzumachen,
nicht um etwas Raum zu geben. Das Nervensystem reguliert sich aber nicht
durch die Tools selbst. Es reguliert sich, wenn durch somatische Übungen
ein Raum entsteht, in dem das, was da ist, auftauchen, gefühlt werden
und abfließen darf.
Kurz zusammengefasst
Nicht jede unwirksame Regulation ist ein Methodenfehler.
Eine gute Technik kann zum falschen Zustand nicht oder negativ wirken.
Sie kann zu spät kommen oder aus einer Haltung heraus eingesetzt werden,
die das alte Muster fortsetzt. In allen Fällen liegt es nicht an der
Klientin und meistens auch nicht an der Technik, sondern an dem,
was um die Technik herum fehlt.
Wenn eine Klientin im Coaching wiederholt in Zustände von Überflutung,
Erstarrung oder Dissoziation kippt, die sich auch über mehrere Sitzungen
nicht stabilisieren lassen, bewegst du dich an der Grenze zur Therapie.
Coaching begleitet grundsätzlich stabile Menschen bei einem
einschränkenden Muster, und du arbeitest dabei nicht diagnostisch.
→ Weiterführend: Coaching oder Therapie – wo die Grenzen liegen