Hinter emotionalem Essen stehen häufig Schutzmuster,
die früh entstanden sind und damals sinnvoll waren.
In unserer Arbeit begegnen uns besonders häufig ein hoher
Leistungsanspruch, Perfektionismus, starke Anpassung,
das Gefühl, alles allein schaffen zu müssen,
Grübeln und die Angst, als nicht gut genug entlarvt zu werden.
All das sind, genau wie das Essen selbst,
Bewältigungsstrategien. Wer einer solchen Klientin nur sagt,
sie solle öfter Nein sagen oder sich einfach mal ausruhen,
arbeitet wieder auf der Verhaltensebene.
Beispiel aus der Praxis
Eine Klientin sollte sich jeden Abend 10 Minuten hinsetzen
und auf den Tag schauen. Sobald sie sich hinsetzte,
stieg die Anspannung stark an. Später zeigte sich,
dass Ruhe in ihrer Kindheit mit der Erwartung verbunden war,
sofort wieder etwas tun zu müssen.
Auch Prägungen rund ums Essen können subtil sein:
Ein Elternteil verlangt, den Teller leer zu essen,
der andere warnt vor dem Dickwerden.
Oder eine Mutter sagt ihrem Kind, es dürfe essen, was es möchte,
während sie sich selbst täglich abwertend im Spiegel betrachtet.
Kinder nehmen wahr, was vorgelebt wird, nicht nur,
was ausgesprochen wird.
Eine Metaanalyse mit 70 Studien und über 19.000 Teilnehmenden
fand einen Zusammenhang zwischen unsicheren Bindungsmustern
und stärker ausgeprägtem problematischem Essverhalten
(Faber et al. 2018). Die überwiegend korrelativen Daten belegen
dabei keine direkte Ursache.
Dabei geht es nicht darum, Eltern die Schuld zu geben.
Es geht darum, ehrlich anzuschauen, welche Spuren geblieben sind,
damit sie heute verändert werden können.
Eine häufige Hürde ist Rationalisierung:
„Meine Mutter konnte ja nicht anders, sie war krank.“
Das kann stimmen, und trotzdem kann das Kind etwas vermisst haben.
Eine andere Sicht auf intuitives Essen
Emotionales Essen kann sich intuitiv anfühlen – aber aus einem Schutzmuster heraus.
Wenn ein System gelernt hat, dass Fühlen nicht sicher ist,
greift es intuitiv zu dem, was schnell beruhigt.
Ein freieres intuitives Essverhalten entsteht deshalb nicht allein
durch die Aufforderung, auf den Körper zu hören.